Unser 3. literarischer Abstecher, den wir 2021 planen

Herzfaden

Roman der Augsburger Puppenkiste

Märchen und Zeitgeschichte zugleich.




Thomas Hettche erzählt in seinem für den Deutschen Buchpreis 2020 nominierten Roman die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, aus der Perspektive der Tochter des Gründers Walter Oehmichen, Hannelore Marschall, genannt: Hatü.

Herzfaden erzählt von Marionetten, wie Jim Knopf oder der Prinzessin Li Si., und das Fortwirken nationalsozialistischer Vergangenheit.

"Herzfaden" kann man nicht lesen, ohne sich alte Szenen der Augsburger Puppenkiste auf YouTube anzuschauen.

Zwei divergente Handlungsstränge. Genial verwoben.

Der eine führt uns in die dunkle Zeit der Nazidiktatur, ihrer Traumata und die Sehnsucht nach einer neuen Zeit.

Der andere nimmt uns mit auf einen geheimnisvollen Dachboden, wo Marionetten lebendig werden und zu einem Mädchen, das auf eine gefährliche Suche nach einer dämonischen Kasperlfigur geschickt wird.

Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.

Immanuel Kant

(1724 - 1804), deutscher Philosoph aus Königsberg


Thomas Hettche

Der Romancier Thomas Hettche gehört seit 1989, seit seinem Debut »Ludwig muß sterben«, zu den oft polarisierenden, stets überraschenden literarischen Stimmen dieses Landes. »Der Fall Arbogast« wurde in 13 Sprachen übersetzt, sein Bestseller »Pfaueninsel«, der die atmosphärische Geschichte einer Kleinwüchsigen im Preussen des 19. Jahrhunderts erzählt, wurde u.a. mit dem Wilhelm-Raabe-, dem Wolfgang-Koeppen-Preis, dem Solothurner Literaturpreis und dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.

Foto: © Joachim Gern

Herzfaden

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.

Thomas Hettches neuer Roman erzählt die Familiengeschichte der Augsburger Puppenkiste. Sie handelt nicht von Urmel, dem Gestiefelten Kater, Jim Knopf oder dem kleinen König Kalle Wirsch, obwohl all diese Gestalten Rollen im Roman übernommen haben. Auf der Bühne sind die Marionetten die unbestrittenen Hauptfiguren, aber im Roman haben sie nur Nebenrollen. Hettche erzählt von dem, was sich am anderen, dem unsichtbaren Ende der Fäden befindet. „Herzfaden“ erzählt von denen, die führen und geführt werden.

Die hölzernen Türen, die sich zu Beginn jeder Vorstellung öffnen, waren ursprünglich die Seitenteile einer Transportkiste der Deutschen Reichsbahn. Die Puppenkiste war ein Provisorium, aus der Not geboren. Ihr Vorläufer, der sogenannte Puppenschrein, verbrannte nach einem Bombenangriff der Alliierten in den Trümmern des Stadttheaters.