International Booker Prize 2020: Marieke Lucas Rijneveld ausgezeichnet

Der International Booker Prize, einer der wichtigsten internationalen Literaturpreise, geht in die Niederlande an Marieke Lucas Rijneveld und die Übersetzerin Michele Hutchison.

Rijneveld, Jahrgang 1991, wird für ihren 2018 erschienenen Debütroman „De avond is ongemak“ ausgezeichnet, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Was man sät“ 2019 bei Suhrkamp erschienen ist. Die Autorin gilt als eine wichtige Stimme der jungen niederländischen Literatur.

In ihrer Laudatio erklärt die Jury, sie habe nach einem Buch gesucht, das nicht nur unsere dystopische Gegenwart widerhallen lasse, sondern darüber hinaus eine zeitlose Wirkung besitze. „The Discomfort of Evening“ sei eine sanfte und tief gehende Beschwörung einer Kindheit, die gefangen ist zwischen Schande und Erlösung.

Foto: © Suhrkamp Verlag

Marieke Lucas Rijneveld

Marieke Lucas Rijneveld, 1991 in Nord-Brabant geboren, gilt als eine der wichtigsten jungen niederländischen Stimmen. 2015 veröffentlichte sie ihren preisgekrönten Lyrikband Kalfsvlies. Was man sät ist ihr Debütroman und hat in den Niederlanden für Furore gesorgt. 2019 erschien ihr zweiter Lyrikband Fantoommerrie. Rijneveld lebt in Utrecht und arbeitet nebenher auf einem Bauernhof.

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Was man sät

Kurz vor Weihnachten bemerkt die zehnjährige Jas, dass der Vater ihr Kaninchen mästet. Sie ist sich sicher, dass es dem Weihnachtsessen zum Opfer fallen wird. Das darf nicht passieren. Also betet Jas zu Gott, er möge ihren älteren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen. Am selben Tag bricht ihr Bruder beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein und ertrinkt. Die Familie weiß: Das war eine Strafe Gottes, und alle Familienmitglieder glauben, selbst schuld an der Tragödie zu sein. Jas flieht mit ihrem Bruder Obbe und ihrer Schwester Hanna in das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, in eine Welt voll okkulter Spiele und eigener Gesetze, in der die Geschwister immer mehr den eigenen Sehnsüchten und Vorstellungswelten auf die Spur kommen.

Marieke Lucas Rijneveld erzählt vom Zerbrechen einer orthodox-calvinistischen Familie. 

Ein Wintermorgen, zwei Tage vor Weihnachten. Der erste Schnee ist gefallen, der See zugefroren, doch das Eis ist noch dünn. Matthies, der mit seinen Freunden zum Schlittschuhlaufen aufgebrochen ist, wird von seinem Ausflug nicht zurückkehren. Mit seinem Tod beginnt „Was man sät“

Eine Familie zerbricht an ihrer Trauer, die drei Kinder werden allmählich und quälerisch erwachsen. Der Glaube kann nicht helfen, im Gegenteil. Für die Familie ist Matthies’ Tod eine Strafe Gottes, und jeder einzelne fühlt sich auf seine Weise verantwortlich.

Ein bedrückender Schauer

Eine leichte Lektüre ist der Roman „Was man sät“ wahrlich nicht. Schonungslos und stark schildert die Autorin ein Leben auf dem Lande voll unterschwelliger und offener Gewalt, wo den Menschen nichts geschenkt wird, wo die Menschen sich aber auch selbst nichts schenken.
Die psychische und physische Gewalt, der die Kinder auf dem Hof ausgesetzt sind und die sie untereinander ausüben, lässt einen bestürzten Leser zurück. 

Es gibt keinen Ausweg von diesem Hof – nicht für die erkrankten Kühe, die geschlachtet werden müssen, nicht für die Akteure des Romans, die in ihrer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit keinen Ausweg mehr sehen und sich mit einer Heftzwecke selbst geißeln.
Nur wenige Male hat ein Buch mich mit solch einer Wucht ergriffen.  Selten übte ein Roman eine solch unerträgliche Sogwirkung auf mich aus. Ein bedrückender Schauer ging beim Zuklappen des Buches in achtbare Faszination über. Ein Gefühl, das sich zuletzt bei der Lektüre von 'Blauschmuck' von Katharina Winkler einstellte.