"Eine Lektüre, die erlitten und nicht genossen werden will."

HAUS VON ANITA | BORIS LURIE

Eine Lektüre, die jedes Maß an Vorstellungskraft übertrifft.

Wie in einer Doppelbelichtung werden unauflösliche Fiktions- und Realitätsebenen von Holocaust und Pornografie übereinander montiert. Zunächst ein abscheuliches Gräuel-Konstrukt für den unbefangenen Leser. Sado-Maso und Endlösung. Eine unsägliche Verzahnung. Das Ineinander von Pin-Up und Judenstern irritiert, macht aggressiv. Ein literarisches Werk, das man nicht vorbehaltlos akzeptieren will. Ist es überhaupt Literatur? Ist es die Verarbeitung eines Traumas, einer seelischen Last? Es ist eine Lektüre, die streckenweise abstößt, mitunter anekelt. Und auf eine erschreckende Weise einen abgründigen Sog erzeugt. Dürfen diese Spiegelungen den Kosmos der Holokaust-Mahnmale verlassen? Dürfen sie sich in einem Konsumartikel, einem Buch, wiederfinden? In diesem obszönen Kontext?

An dieser Stelle ist es geboten, darauf hinzuweisen, dass die verschlungene Vielschichtigkeit des Romans der Collagetechnik, den mehrschichtigen Installationen eng verwandt ist, deren der Künstler Lurie sich erfolgsgekrönt bedient hat. Jedoch sei auch folgende Randbemerkung erlaubt. Hätte der Göttinger Wallstein Verlag, der zu den führenden geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsverlagen im deutschen Sprachraum 

 gehört, das Buch veröffentlicht, wenn nicht der Künstler Boris Lurie es kreiert hätte? Ist die Veröffentlichung eine willentliche Hinzielung auf einen Affront?

Die Bemühungen des Lesers, diesen Roman zu verstehen, gelingen kaum. Man muss deshalb unbedingt einen Blick auf die Biografie von Boris Lurie werfen, um dem Narrativ näher kommen zu können.

Das zweifelsfrei große künstlerische Werk von Boris Lurie findet in dem Roman nicht seine Fortsetzung, wie ich meine. Trotzdem kann man sich nur schwerlich diesem schockierenden und unerträglichen Machwerk entziehen. Die Lektüre muss immer wieder zur Seite gelegt werden. Atem schöpfen. Ein Vergnügen ist die Erzählung partout nicht. Dennoch befürworte ich, sich auf den Autor und auf den Künstler Boris Lurie einzulassen. Sich dem Menschen Boris Lurie zu nähern. Auch wenn diese Annäherung Aufschrei und Protest herausfordern. Auch wenn der Text rohe Bilder produziert, die im Gedächtnis, im Kopf erwachen.


Ihr Horst G. Flämig

Die vielleicht signifikanteste künstlerische Arbeit Luries ist als Cover für den Roman eingesetzt worden. Ein Pin-Up Foto klebt auf einem Leichenberg, wie man ihn vor dem Krematorium nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald fand. 

Radikal provozierend

Bobby ist in New York regelmäßig zu Gast - oder sollte man besser sagen: gefangen? - im »Haus von Anita« und lässt sich dort zusammen mit drei weiteren Männern von den Gebieterinnen des Hauses zur sexuellen Befriedigung quälen und misshandeln. Was auf der Oberfläche wie ein pornographischer S/M-Roman wirkt, ist auf einer anderen Ebene die provokante Darstellung der Nazigräuel.
Ruth Klüger hat in der detailgenauen Darstellung der Lager die Gefahr einer »Pornographie des Todes« gesehen. Wie ein auf die Spitze getriebener Beweis ihrer provokanten These liest sich dieser Text, an dem Boris Lurie mehr als 40 Jahre arbeitete. Auch er war ein Überlebender der Shoah und er war Mitbegründer der NO!art-Bewegung, die sich vor allem gegen die Pop Art und eine selbstgefällige Konsumgesellschaft wendet.
Die industrielle Zerstörung der Körper in den Lagern wird hier bis zur Unerträglichkeit mit ihrer kulturindustriellen Vernutzung durch Konsum, Kommerz und Pornographie verschränkt. Lurie verarbeitet in diesem Buch nicht nur seine Erfahrung der KZs, sondern fragt auch mit schockierender Eindringlichkeit nach der Bedeutung der Kunst nach der Shoah. Eine Lektüre, die erlitten und nicht genossen werden will. 

Klappentext


Wallstein Verlag (2021)
298 Seiten

Autor: Boris Lurie

Übersetzung: Joachim Kalka 

Boris Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren. Die Familie siedelte über ins unabhängig gewordene Lettland, nach Riga. 1940 mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurde Lettland eine Sowjetrepublik. 1941 marschierten die deutschen Truppen ein. Fünfundzwanzigtausend Juden wurden im Rumbala-Wald nahe Riga ermordet. Darunter Luries Mutter, Großmutter, Schwester und seine Jugendliebe. Sein Vater und er überlebten als Zwangsarbeiter in Konzentrationslagern in Lettland und Deutschland. Zuletzt in einem Außenlager in Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Amerikaner  wanderten beide in die USA aus. Dort begann Lurie seine künstlerische Karriere.

Boris Lurie

Boris Lurie, geb. 1924 in Leningrad, gestorben 2008 in New York, war bildender Künstler und Autor. Als Mitbegründer der NO!art-Bewegung schuf er provokante und mitunter extreme Collagen, Skulpturen und Texte, in denen er die Ermordung der Juden in den Kontext von Werbung, Politik und Pornographie stellte. So verarbeitete er seine eigene Erfahrung der Lager, die er zusammen mit seinem Vater überlebte.
Seine Werke wurden in den USA und in Deutschland in mehreren Ausstellungen gezeigt, zuletzt 2016 unter dem Titel »Keine Kompromisse« im Jüdischen Museum in Berlin und 2017 in Nürnberg.

Foto: Lida Moser. © Boris Lurie Art Foundation 

 

Keine Kompromisse! 

Das Jüdische Museum Berlin widmete Boris Lurie und seiner radikalen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert 2016 eine große Retrospektive.

https://www.jmberlin.de/ausstellung-boris-lurie 

 A Jew Is Dead, 1964 Collage: Öl und Papier auf Leinwand, 180×312 cm 

 Railroad to America, 1963 Collage: Fotografie auf Leinwand, 

 Ein radikales und verstörendes Werk hat Boris Lurie hinterlassen. Eine Hinterlassenschaft, die in Bild und Wort den bürgerlichen Kunstbegriff attackiert. Allen idealistischen Erwartungen an Kunst, jeder Form von Ästhetizismus. Aber auch dem kapitalistischen Kunstmarkt erteilte Lurie eine unmissverständliche Absage. 

 Zu den schockierendsten Zeugnissen der Kunst des Boris Lurie zählen jene Collagen, in denen pornographische Fotos mit Aufnahmen aus NS-Vernichtungslagern kontrastiert sind. Nur der Begriff des Obszönen vermag eine Brücke von der Kunst zum Betrachter zu schlagen. 

Dahinter steht aber auch die von Lurie gemachte Erfahrung der Verbindung von Herrschaftsgewalt, Unterdrückung und sexueller Erniedrigung. Eine Erfahrung, die er selbst machen musste. Durch die Wehrmacht verübten Massaker.