Eine bedrückende Retrospektive

Internat | Serhij Zhadan

Erinnern Sie sich an unsere Leserehe 2019, die unter folgenden Motto stand:

Über Menschen, die  das Sterben der Zukunft in ihrer Gegenwart erleben. 

Wir sprachen über Romane aus folgenden Ländern:  Ukraine. Estland. Litauen. Slowakei, Polen. Russland, Tatarstan. Bosnien und Herzegowina, Georgien.

Schau einmal in den rückSPIEGEL.

 Meldung - 07/03/2022

Putins kruder Zynismus.

Russland hatte die Einrichtung von Fluchtkorridoren aus Kiew, Charkiw, Mariupol und Sumy angekündigt, die nach Russland oder Belarus führen sollen. 

Die Regierung in Moskau hatte erklärt, sie komme mit der Schaffung der Korridore einem persönlichen Ersuchen Macrons nach. Die verlogene und heuchlerische Ausführung einer subalternen Meute.

 

Höllenwanderung durch das Konfliktgebiet. Drehbuch aus dem Krieg.

Aus einem fiktiven Roman wurde grausame Realität. Verübt durch einen Einzelnen. Durch einen rücksichtslosen und blindwütigen Diktator.

Internat | Serhij Zhadan

Serhij Zhadan schildert, wie sich die vertraute Umgebung in ein unheimliches Territorium verwandelt. Er erzählt von trotzigen Menschen, die der Angst und Zerstörung ihre Selbstbehauptung und ihr Verantwortungsgefühl entgegensetzen. Seine Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet mit seinem Roman "Internat" ihren vorläufigen Höhepunkt.
Ein junger Lehrer will seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause holen. Die Schule, in der seine berufstätige Schwester ihren Sohn "geparkt" hat, ist unter Beschuss geraten und bietet keine Sicherheit mehr. Durch den Ort zu kommen, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, dauert einen ganzen Tag. Der Heimweg wird zur Prüfung. Die beiden geraten in die unmittelbare Nähe der Kampfhandlungen, ohne mehr sehen zu können als den milchigen Nebel, in dem gelbe Feuer blitzen. Maschinengewehre rattern, Minen explodieren, öfter als am Tag zuvor. Paramilitärische Trupps, herrenlose Hunde tauchen in den Trümmern auf, apathische Menschen stolpern orientierungslos durch eine apokalyptische urbane Landschaft.

 Foto © Meridian Czernowitz 

Serhij Zhadan

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. Zhadan lebt in Charkiw.



  • Preis der Leipziger Buchmesse 2018

  • Schweizer Literaturpreis der Jan-Michalski-Stiftung 2014

  • Brücke Berlin-Preis 2014

  • Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis 2002