"Schreiben ist nicht selten ein wissender Weg in die voraussagbare Aussichtslosigkeit. Ein bejahender Selbstversuch. Im nächtigen Corona Schreibkabäuschen."

Horst G. Flämig. Moderation.

Eulenmädchen

Ein Mann am emotionalen Abgrund auf der Suche nach seiner Tochter.

Mitlesetext. Neue Kapitel.

Kapitel 1

LENINBRAUSE UND JEANNE D‘ ARC 

Den Versuch hatte ich penibel ins Laborjournal eingetragen. Die Tinte trocknete. Es war ein mäßig warmer Tag. Ein ganz gewöhnlicher Sonntagnachmittag. Die Nachrichten verkündeten, dass aus der Präsidentenwahl in Argentinien der 58-jährige Peronist Carlos Saúl Menem als Sieger hervorgegangen war. Ich setzte Datum und Unterschrift unter die Nachweise des Experiments und die Zusammenfassung der Ergebnisse.  

14. Mai 1989. Martin Stiller

Danach schaltete ich das Radio aus und kletterte die Eisenstiege zur Dachterrasse des Institutsgebäudes hinauf, um dort eine Zigarette zu rauchen. Ich war Biochemiker in einem pharmazeutischen Kombinatsbetrieb, der auf dem ehemaligen Gelände eines Schlachthofes in der Uckermark errichtet worden war und nach der Wende geschlossen wurde.

     Da lag er wieder. Warum bin ich nicht sofort weggerannt? Warum ließ ich es zu, dass sich dieser Anblick in allen Einzelheiten in mein Gehirn einbrannte. Das Bild des Unterarms, angekohlt, die Hand, braun und schwarz, einen schwenk- und fernbedienbaren zerborstenen Suchscheinwerfer umklammernd, der auf dem Boden der Dachterrasse fest verschraubt war. Mein Schädel. Pochend. Sein Schädel. In Splitter zerbrechend. Mein Gehirn. Hämmernd. Sein Gehirn. Heruntertropfend. Seine Hand. Eine Totenhand. Meine Hand. Eine Lebehand.

     Immer, wenn dieses Wahnbild emporflammt, halte ich die Augen fest verschlossen. Oftmals bin ich zu ermattet, sie wieder zu öffnen, um diese brennende Qual zu ersticken. Meine Augenlider sind dann wie vernietet. Die Lider eines Toten, die bereits zugedrückt wurden. Ich. Ein abgeschiedener Gegenstand in einer frostigen Dunkelkammer. Herzlos. Seelenlos. Augenlos.

     Die Suche nach meiner Tochter hat mich ins fränkische Kolmoor geführt. Es ist ein kalter und trüber Nachmittag. 11. November 1998. Acht Jahre liegt die Wiedervereinigung Deutschlands bereits zurück. Die drei Steinstufen zum einzigen Optikgeschäft im Ort mit dem Namen Brandstätter steige ich voller Neugier und schwungvoll hinauf. Die Hände tief in den Taschen meines grauen Filzmantels vergraben, den ich nach der Wende von einem Mitglied der ehemaligen Deutschen Volkspolizei geschenkt bekam. Mein Lieblingsmantel. Zuvor hatte ich mich auf dem Schrannenplatz in einem kleinen, gestrigen, eher vorgestrigen Café mit dem Namen Schönthal bei einem Glas roter Fassbrause aufgewärmt. Die Kellnerin hatte mir das Getränk empfohlen. 
     Der bedeutungslose und nicht erwähnenswerte Flecken Kolmoor ist am Rande der ehemaligen Demarkationslinie gelegen, welche nach dem zweiten Weltkrieg die Besatzungstruppen der Sowjetunion von denen Großbritanniens und der USA trennte. Inzwischen erinnert nur noch ein ehemaliger DDR Grenzwachturm an das unselige Zeugnis der deutschen Teilung.

     „Eine leckere Himbeerlimonade nach einem alten Rezept unserer Großeltern, ein wenig süßlich“, schwärmte die Kellnerin. „Wir Kolmoorer nennen sie auch Leninbrause.“
Ich interessierte mich nicht sonderlich für ihre Anpreisung und nickte nur unmerklich mit dem Kopf, um mich dann zur Seite abzuwenden. Ich wollte mich den nagenden Rückschauen, den getrübten Blicken in meine Vergangenheit entreißen. Mein graues Bleiherz anfachen. 

     Zwei Wochen zuvor hatte ich in Hamburg ein Therapieprogramm absolviert mit dem Ziel, meine immer wieder aufflackernden beklemmenden Blicke in die Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei hatten die Ärzte und Psychologen meine angstbeladenen Erinnerungen zunächst erneut hervorgerufen, um sie dann mit neutralen aktuellen Informationen zu überschreiben. Während meines Klinikaufenthaltes hatte ich gelernt, dass das menschliche Gedächtnis kein starres, unveränderliches Erinnerungsprogramm ist. Das Gehirn reaktiviert regelmäßig Gedächtnisinhalte und überprüft sie auf ihre aktuelle Relevanz, bevor sie erneut gespeichert werden. Während dieses Vorgangs - der sogenannten Rekonsolidierungsphase - lassen sich Erinnerungen verändern. Die glücklichen Erinnerungen. Die traurigen Erinnerungen.  Eine Umwandlung der gänzlichen Lebensbeichte. 

     Diesem Prozess habe ich mich in einer Eppendorfer Klinik, in der ich mich gut behandelt fühlte, unterzogen. Aber seitdem horche ich immer und immer wieder in mich hinein. Die bedrückenden Erinnerungen, die dunkle Schatten auf mein Dasein werfen, stellen mir nach, treiben mich. Die Behandlung hat die alten Wunden, von denen ich geglaubt hatte, dass sie inzwischen vernarbt seien, wieder aufreißen lassen. Die Therapie zur Gedächtnislöschung schien missglückt. Allein meine Hoffnung, ohne diese peinigenden Erinnerungen zu erwachen, den imaginären Gedächtnisschalter umgelegt zu haben, wurde gelöscht. Der nebulöse Hoffnungsstrahl verglühte. 

     Matt blickte ich in die Runde des Cafés. In einer kleinen, im Halbdunkel gelegenen Nische hockte eine junge Frau. An einem runden Tisch in der Mitte des Cafés unterhielten sich zwei Frauen mittleren Alters. An der hinteren Wand des Raumes kauerte stumm ein älteres Ehepaar. Der Mann hielt sich an einer abgewetzten Ledertasche  geklammert. Meine Augen wanderten zurück zu der jungen Frau. Sie schien nervös. Mit einer Hand ruckelte sie heftig an einem Kinderwagen. Ihr langes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden und fiel seitlich über ihre linke Schulter. Sie trug einen abgetragenen Mantel. Mit der anderen Hand fingerte sie an einer Babydecke, die über den Rand des Wagens herausragte. Meine Blicke streiften über die beigefarbene Tapete an den Wänden. Große florale Ornamente dominierten. Auf einer Fensterbank lagen zerlesene Zeitschriften, darauf stand ein vermutlich defekter Raumfrischer. Meine Blicke streiften weiter zu  dem rustikalen gefliesten Tisch, an dem ich saß, und blieben hängen an einer bauchigen Blumenvase aus Kristallglas, die auf einer runden wahrscheinlich handgestickten Brokatdecke stand. Die Blumen sahen künstlich aus. Gerbera. Weiß, Rot, Gelb, Rosa, Violett und Orange. Ich nahm den schwachen Hauch von Zigarettentabak wahr. Dieser Nikotingeruch und die altfränkische Gediegenheit des Raumes lösten eine wachrufende Vertrautheit in mir aus. Die Akkordeonmusik, die aus einem Lautsprecher zu hören war, milderte meine momentan aufgewühlte Seelenregung. Eine Nachrichtensprecherin meldete, dass die Staatsoberhäupter Frankreichs, Großbritanniens, Irlands und Belgiens mit Zeremonien in Paris und auf den ehemaligen Schlachtfeldern Flanderns dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 gedenken. 
     Das Gespräch der beiden Frauen drang wie ein Hintergrundrauschen zu mir. Ich nahm es kaum wahr. Und wurde nicht wahrgenommen. Die anwachsende tröstliche innere Ruhe, die ich nun  wie eine klangvolle Kirchenstille verspürte, wurde dadurch nicht beeinträchtig

     Das unvermittelte Klingeln  eines Mobiltelefons ließ das Geplauder verstummen. Ich schreckte hoch und schaute unweigerlich in die Richtung, aus der die Klingeltöne kamen. Die beiden Frauen schauten sich vom Läuten ebenfalls überrascht und sichtlich irritiert an, während eine von ihnen in ihre Handtasche griff und ein Handy herausnahm. Jetzt wird sicherlich ein Schwall des Belanglosen einsetzen, sinnierte ich, ohne jegliches Bemühen, mein höhnisches Grinsen verbergen zu wollen. Aber die Frau warf lediglich einen kurzen Blick auf das Mobiltelefon und schaltete es aus. Zudem hüstelte sie gekünstelt hinter ihrer vorgehaltenen Hand und steckte das Handy wieder zurück in ihre Tasche. Auf den fragenden Blick ihrer Gesprächspartnerin reagierte sie nicht. Diese machte auch keine Anstalten nachzuhaken. 

     Das wieder einsetzende Gespräch der beiden bewirkte, dass ich nun versuchte, die Unterhaltung zu belauschen, zunächst interesselos dann von zunehmender Neugier befallen. Ich schätzte beide Frauen auf Mitte bis Ende dreißig.  Mit Ihren rötlich colorierten und kurzgeschorenen Haaren schienen beide bewusst eine Auflehnung gegen das zur Zeit trendige, in allen einschlägigen Zeitschriften abgebildete Frauenbild - Business Look und gezielt unordentlich geföhnter Bobschnitt -  zum Ausdruck bringen zu wollen. Unübersehbar waren ihre rechteckigen schwarzen Brillen. Beide Frauen trugen die gleichen Modelle. 

          Ich fragte mich, warum mir beim Anblick der beiden Frauen gerade jetzt der Gedanke kam, dass bis in die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts der Kurzhaarschnitt eine Form der Züchtigung und Bestrafung von Frauen war. Ehebrecherinnen etwa wurde, bevor man sie steinigte, das Haar abgeschnitten. Auch Jeanne d‘ Arc wurde ein Kurzhaarschnitt verpasst, bevor sie auf den Scheiterhaufen kam. Als wollte ich auf diese Weise meine bizarren Gedanken wegwischen, fuhr ich mit beiden Händen über mein Gesicht, strich meine etwas zu langen und strähnigen grauen Haare nach hinten und rieb mir anschließend vehement die Augen, als wollte ich diese Eingebung auskratzen.

     „Also, ich…ich wollte dir sagen….ich werde alt“. „Du bist doch nicht alt“. „Sonja, hör auf, wir sind beide alt und hässlich und ich kann nicht mehr.“ „Jetzt sammle dich wieder, Petra. Wir bringen das jetzt zu Ende.“ „Sonja, du bist mein Ende“. „Ach du, nun hör auf zu jammern. Unser Eulenmädchen braucht uns jetzt. Um sie müssen wir uns jetzt kümmern. Reiß dich zusammen.“ 

     Dann tuschelten die beiden Frauen weiter, gedämpft und kaum vernehmlich. Viel konnte ich nicht gewahr werden, nur so viel, dass es um einen Mann ging, der im Optikgeschäft des Ortes tätig ist. Meine Neugierde wuchs merklich und ich registrierte einerseits eine blasiert herablassende Art, mit der sie über den Angestellten des Optikhauses giftig spöttelten und andererseits eine bösartige und gehässige Pose ihm gegenüber. Die beiden Frauen waren mir unsympathisch und ich stufte sie als intrigante Weibsbilder ein, die zudem meinem Empfinden nach auch noch zu übergewichtig und  zu stämmig waren, als für ihre Gesundheit ideal gewesen wäre. Mittlerweile hatten sie ihre Köpfe leicht vornübergebeugt und zischelten leiser werdend, weil sie das Gefühl bekamen, ihr Tischnachbar horchte Ihnen aufmerksam zu. 

          Ihrer Sprachfärbung nach waren sie nicht den ansässigen Einheimischen zuzuordnen. Sie unterhielten sich in einem befremdlichen und wundersamen Hochdeutsch, wie es eher in norddeutschen Regionen gesprochen wird. Die Sätze erinnerten mich an eine sehr rein artikulierte Bühnensprache. Bei einer der beiden Frauen fiel mir auf Anhieb ihr „spitzes S“ auf. Auch die Kleidung der beiden war eine Spur zu exzentrisch und eher abgetragen. Vermutlich war sie handgefertigt. 

     „Ist alles recht bei euch“, rief die Kellnerin mit etwas zu lauter und zu leutseliger Stimme herüber. Sie hatte während der gesamten Zeit den Gastraum verlassen und war gerade durch eine Schiebetür hinter der Theke wieder zurück gekommen. 

     „ Ich möchte zahlen, bitte“. Den Betrag für die Brause rundete ich großzügig auf. Die Bedienung bedankte sich höflich, ohne mich dabei anzusehen und ließ die Münzen in ihr Portemonnaie gleiten. 

     Während ich das Café verließ, schaute ich noch einmal zu den beiden Frauen hinüber. Mich überkam das Gefühl, von beiden umfassend gemustert zu werden. Es war ein ungutes Empfinden und ich schlug meinen Mantelkragen hoch, um mich dahinter zu verbergen. Es fröstelte mich und ich musste mich leicht schütteln, als ich ins Freie trat. Ich führte dies aber nicht zurück auf den wieder einsetzenden Nieselregen. Auch nachdem ich wenige Meter gegangen war, hatte ich das Empfinden, Speere durchschießen meinen Rücken. Meine Schritte wurden schneller. Ich setzte an zu laufen. Als der Regen stärker wurde, fand ich Schutz unter einer Markise. Zerrissen. Zerbrochen. Durch das schmierige Ladenfenster, an dem ein ramponiertes Plakat hin, auf dem ein Grenzwachturm zu erkennen war,   erblickte ich einige angealterte Romane. Bedeckt mit Fliegendreck. Hingeschieden. Zwischen den Büchern lagen Schädelsplitter gebettet, tropfende Gehirnmasse verquirlte sich mit dem filzigen Boden der Auslage.

Kapitel 2

EIN BLASSGESICHTIGER OPTIKER UND EINE FALBFARBENE METALLPLATTE 

 

Nachdem ich das Optikhaus betreten hatte, war ich merklich beeindruckt von der geradezu progressiven, großstädtischen Ladenausstattung, welche die morbide Außenfassade des Gebäudes nicht vermuten ließ. Ich wurde augenblicklich von einem leicht femininen, blassgesichtigen Mann begrüßt. 

     „Guten Tag der Herr, was kann ich für sie tun, wie kann ich ihnen helfen“. Ich vermutete, dass es sich um den Bespöttelten handelte und erwiderte, dass ich mich gerne über eine Hörbrille beraten lassen wolle. Während des Beratungsgesprächs, das der junge Mann professionell und kompetent führte, erfuhr ich, dass neben dem persönlichen Geschmack und den individuellen medizinischen Anforderungen an eine Hörbrille die Gesichtsform bei der Auswahl eine wichtige Rolle spielt. Dass Menschen mit eher rundem Gesicht sich gern für eckige Brillen entscheiden, da diese das Gesicht etwas schmaler wirken lassen. Hat man eher ein markantes oder eckiges Gesicht, dann sind Fassungen mit annähernd runder Form eine gute Wahl. Sie sorgen für einen harmonischen Gesamteindruck. Ganz dezent können Brillen so vorteilhaft Gesichtszüge betonen. Für den jungen Mann schien sein Tätigkeit eine Passion zu sein. Mit großem Enthusiasmus präsentierte er verschiedenartige und verschiedengestaltige Hinter-dem-Ohr und In-dem-Ohr Hörbrillen. 

    

     Bei der Begutachtung der verschiedenen Brillenmodelle blicke ich im Spiegel in ein starres, verhärtetes Gesicht, in aufgezehrte Gesichtszüge. Ich erspüre ein entseeltes Antlitz. Aufgezehrte. Der Ruch einer abgelebten Spezies wabert mir entgegen. Ängstlicher Ekel steigt in mir empor. Ein zerfetzter Mund legt den Unterkiefer und eine falbfarbene Metallplatte einer Zahnbrücke frei. Sie bohrt sich gleißend durch meine Augendeckel, die ich nunmehr zugeschraubt habe. Ausgezehrt und ermattet lege ich sodann das soeben inspizierte Brillenmodell zurück auf die Theke. Ich bedanke mich steif und unpersönlich für die Informationen und Empfehlungen. Dann wende ich mich abrupt zum Ausgang mit der Feststellung, mir das Ganze noch einmal überlegen zu wollen. Mir war jählings der Schweiß ausgebrochen. Die Abendluft schlägt mir kühl auf die  feuchte Haut. Ich lehne mich kurz an die Wand neben der Eingangstür und werfe einen Blick auf die Visitenkarte, die der Optiker mir noch flugs zusammen mit einigen Prospekten in die Hand gedrückt hat. >Matthias Kovaczyk. Optiker< las ich. 

     Wie ich später in Erfahrung bringen sollte, handelte es sich um den staatlich geprüften Augenoptikermeister Matthias Kovaczyk, 29 Jahre alt und unverheiratet, der mutmaßlich aus Breslau in der vormaligen Provinz Schlesien herstammt. Dass diese ehemals preußische Stadt seit dem zweiten Weltkrieg den Namen Wroclaw trägt, wird im unbedeutenden Kolmoor wahrscheinlich nur der Augenoptikermeister selbst wissen. Kovaczyk schaute dem Kunden noch lange hinterher. Sein Instinkt sagte ihm, dass sein Interesse für eine Hörbrille vorgetäuscht war. Er hatte den Mann noch nie im Ort gesehen. Wer war der Besucher? Was hat ihn nach Kolmoor verschlagen? Die Gedanken daran entfalteten sich in kürzester Zeit mit gewaltiger Vehemenz. Ihrer Macht konnte er sich nicht entziehen. 

     „Was ist los mit Ihnen?“ Kovaczyk hatte Clemens Brandstätter, der durch eine der beiden hinteren Türen hereingekommen war, nicht bemerkt und erschrak. „Ach, nichts“, stieß er gepresst hervor. „Ich fühle mich heute nicht so gut. Liegt wahrscheinlich am Wetter“. „Dann machen Sie für heute Schluss. Es wird wohl niemand mehr kommen. Ich werde dann das Geschäft abschließen“. „Danke, Chef. Gehen Sie heute noch zur Versammlung?“ „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht wird die Versammlung auf morgen verschoben. Dann gute Besserung.“ „Bis morgen, ich werde mich jetzt hinlegen.“ Kovaczyk spürte, dass sich sein Magen verkrampfte. Ein Brechreizgefühl überkam ihn. 

Kapitel 3

EIN LEIBGEDINGSVERTRAG UND EINE RODEHAUE

 

Einmal war die Marktgemeinde in ganz Deutschland in aller Munde und weckte das Medieninteresse. Eine regelrechte Kolmoor-Hysterie hatte vor genau zwanzig Jahren geherrscht. Am 24. Dezember 1978 war die Gemeinde Tatort eines bis heute nicht aufgeklärten Mehrfachmordes und am gleichen Tag starben bei einem Eisenbahnunglück nach dem Bruch einer Radachse 14 Menschen, 27 weitere wurden verletzt. Ein Schnellzug entgleiste, weil sich mehrere Schienenbolzen gelöst hatten und ein Gleisstück verschoben war. Dadurch hoben die hinteren Waggons des Zuges ab und stürzen eine sieben Meter hohe Böschung hinunter. Der Lokomotivführer und der Heizer der Lokomotive wurden durch aus dem Kessel austretendes Wasser so stark verbrüht, dass sie beim Transport ins Krankenhaus starben. Trotz umfangreicher Ermittlungen durch Gutachter und Materialkundler konnte seinerzeit nicht festgestellt werden, ob das Unglück durch einen Sabotageanschlag oder durch unsachgemäße Wartungs- und Sanierungsarbeiten im Gleisbett, die zuvor stattgefunden hatten, verursacht worden war. Auch die Mutmaßung, dass die Bolzen sich durch Erschütterungen langsam gelöst haben oder dass sich Unbekannte an den Bolzen zu schaffen gemacht haben. konnte nicht belegt werden.

     Auf dem Hundegger Hof, der vierhundert Meter von der Eisenbahnunglücksstelle entfernt war, fand man die Leichen von fünf Personen, denen mit einem vermutlich spitzen Gegenstand die Schädel eingeschlagen wurden. Bei den Getöteten handelte es sich um das Bauernehepaar Josef (* 9. November 1928) und Katharina (* 27. November 1929) Hundegger, deren verwitwete Tochter Viktoria Negele (* 6. Februar 1955) und deren Kind Johanna (* 9. Mai 1974) sowie die Magd Maria Obergartner (* 1. Oktober 1943). Der einzige Sohn, Peter Hundegger (* 11. August 1953), dem der Hof mittels eines Leibgedingsvertrags übereignet worden war, verschwand am gleichen Tag.  Die Leichen wurden erst am ersten Weihnachtstag von umherziehenden Hilfsarbeitern entdeckt. Diese wurden oft nur für wenige Tage und illegal auf dem Hof beschäftigt. Die Hundeggers lebten zurückgezogen und galten als geizig. Im Dorf kursierten Gerüchte, dass zwischen dem Vater Josef und seiner Tochter Viktoria eine inzestuöse Beziehung mindestens seit dem fünfzehnten Lebensjahr der Tochter existierte und dass der Sohn Peter von einem Hausierer gezeugt worden war. 

     Die ersten Polizisten am Tatort waren Beamte der Polizeistation Weilersrath. Sie trafen am 25. De-zember gegen 11:50 Uhr ein. Die Meldung erreichte sie um 11:15 Uhr. Die Landstreicher hatten von dem nahegelegenen Gasthaus ‚Zur Sonne‘ angerufen. Der Leichenfund auf dem Hundegger Hof hatte sich in Windeseile im Ort herumgesprochen. Die Beamten konnten nicht verhindern, dass bereits zahlreiche Schaulustige die Mordstätte betreten hatten. Nur mit Mühe waren sie in der Lage, den Tatort großräumig abzuriegeln und die Neugierigen zurückzudrängen. Bei der Polizeidirektion Coburg ging die Meldung um 11:25 Uhr ein. Unter der Leitung von Kriminaloberinspektor Hans Fallgruber machten sich vier Beamte auf den Weg. Sie kamen um 14.30 Uhr bei Bürgermeister Georg Hauser in Kolmoor an. Sie machten sich daraufhin umgehen  auf den Weg zum Tatort, inspizierten die Leichen und besichtigten systematisch die Hofgebäude. Die ersten Vernehmungen der Landstreicher fanden in der Wohnstube des Bauernhofes statt. Als Motiv wurde zunächst Raubmord vermutet, da man im gesamten Haus kein Geld fand. 

     Die Beamtem der Mordkommission ermittelten in verschiedenste Richtungen. Ein damals 45-jähriger Gelegenheitsarbeiter geriet in dringenden Tatverdacht. Er kannte die Getöteten sehr gut und er hatte sich oft in der Nähe des Hofes aufgehalten. Auch der Sohn des Ehepaares Brandstätter geriet in Verdacht. Der Optikersohn hatte zeitweise Theologie studiert, war aber 1978 aufgrund einer schizophrenen Erkrankung in Behandlung gewesen und lebte seitdem als ‚Waldmensch‘ in den Wäldern rund um Kolmoor. Während der tagelangen Vernehmungen verstrickte er sich immer wieder in Widersprüche, so dass seine Schuld von den Ermittlern als gesichert angesehen wurde. Das Landgericht Coburg ordnete aber statt eines Haftbefehls seine Einweisung in eine Heilanstalt ein. 

Schließlich erhärtete sich zunehmend die Vermutung, dass die Morde sehr wahrscheinlich von mehreren Tätern verübt worden seien. Jedoch mangels neuer Spuren wurde die Sonderkommission im März 1983 aufgelöst. Vier Jahre später erhob ein pensionierter Polizeibeamter des Polizeipräsidiums Nürnberg schwere Vorwürfe gegen ehemalige Mitglieder der in diesem Fall ermittelnden Soko. Es bestünden nach wie vor zahlreiche ungeklärte Sachverhalte. So seien Spuren und Verdachtsmomente, im Zusammenhang mit dem Eisenbahnunglück nur unzureichend ermittelt worden. Trotzdem wurde der Fall nicht wieder aufgenommen. 

     So wurden viele Jahre zahlreiche Verschwörungstheorien aufgestellt über etwaige Zusammenhänge zwischen diesen Ereignissen, dem Mehrfachmord an der Familie Hundegger und deren Magd, dem mysteriösen Verschwinden des Sohnes, der von der Bevölkerung und den Medien für den mutmaßlichen Mörder gehalten wurde,  und dem Eisenbahnunglück.

     Die Suche nach Peter Hundegger führte zu keinem Fahndungserfolg. Anonyme Briefe über vermeintliche Aufenthaltsorte von Peter Hundegger, die in den Folgejahren in der Polizeistation Weilersrath oder beim Kolmoorer Bürgermeister eingingen, führten die Ermittler immer wieder auf falsche Spuren. Er sollte erst elf Jahre später als der Leichnam eines Mannes identifiziert werden, der am 16. Juni 1989 am Ostseestrand des polnischen Fischerdorfes Kostricz gefunden wurde. Zwei Jugendliche aus einem nahe gelegenen Pfadfinderlager hatten an diesem sommerlichen Abend im Juni einen abgetrennten Arm im Wasser der Ostsee entdeckt. Die alarmierten Polizisten fanden später einen zweiten Arm in der Nähe eines Dünensteges. Wegen der einsetzenden Dunkelheit wurde die Suche nach weiteren Leichenteilen abgebrochen. Am nächsten Tag berichtete die örtliche Zeitung, dass ein Spaziergänger einen abgetrennten Arm in einem verschlossenen Müllsack gefunden habe, der wahrscheinlich am Ufer angespült worden war. 

     Wie die Polizei dann aber in der folgenden Pressekonferenz mitteilte, hatte ein 70-jähriger Spaziergänger den Fund der beiden Jugendlichen ihr gegenüber lediglich bestätigt. Er war am Strand mit seinem Hund spazieren gegangen. Eine Suchgruppe, die am nächsten Tag aus überwiegend Fischern des Ortes zusammen gestellt worden war, meldete die ersten Funde - einen Männerstiefel und wenig später noch einen. Unter dem Schlamm entdecken sie zum Ende der Suche einen menschlicher Torso. Er lag in der Uferböschung der Seebrücke. Der oder die Mörder hatten nicht nur Kopf, Arme und Beine abgetrennt – sondern auch die Geschlechtsteile des Opfers herausgeschnitten. Es war nicht möglich, die Todesursache festzustellen. Aufschluss darüber konnte erst die Rechtsmedizin geben. Das Opfer hatte allem Anschein nach Wert darauf gelegt, nicht identifiziert zu werden. So trug es weder einen Ausweis noch sonstige Papiere bei sich. 

     Die Spur ließ sich lediglich bis zu einer Pension in Slievo verfolgen, so dass mittlerweile davon aus-gegangen werden konnte, dass es sich bei der Leiche um eine männliche Person handelte, die zwei Tage zuvor ein Zimmer unter dem Namen Peter Degger und einer Adresse, die nicht existierte, angemietet hatte. Der Torso konnte nicht eindeutig identifiziert werden. Der abgetrennte Kopf wurde nie gefunden. Augenzeugen berichteten, dass der Mann die Unterkunft, in der er drei Tage lang wohnte, am Tag des Mordes mit einem gelben abgewetzten Koffer verlassen hatte, der zwei Tage nach dem Leichenfund ausfindig gemacht werden konnte. Der Koffer war leer. Bei einer genauen Untersuchung wurde im Futter eingenäht ein verblichenes und abgegriffenes Foto einer Bauernfamilie gefunden. Das Foto zeigte einen Mann und eine Frau, ungefähr dreißig Jahre alt. Zusammen mit einem Jungen und einem Mädchen, beide zwischen vier und sechs Jahren alt. Die Familie stand in einem Innenhof eines Bauernhofes, wie er im fränkischen Raum üblich ist. 

Kapitel 4

EIN MARTERL UND UNBEFLECKTE SCHERBENSTÜCKE

 

Der Hundegger Hof, von der Bevölkerung verteufelt und vermaledeit,  war ein Einödhof, der knapp zwei Kilometer südlich vom Schrannenplatz an der Gemeindestraße nach Weilersrath lag. Die Ausfallstrasse hat 1985 die unrentabel gewordene Eisenbahnstrecke ersetzt. Das ehemalige Hofgelände ist heute eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die Hundegger Einöde. An jenem Platz wurde fünfzehn Jahre nach den Morden an der Familie Hundegger ein Marterl aufgestellt. Bei den Aufstellarbeiten wurde nicht unweit unter einigen Steinen vergraben das blutverschmierte Tatwerkzeug gefunden, Reste einer Rodehaue. Es ließ sich zweifelsfrei nachweisen, dass zwei überstehende Schrauben, die offenbar bei einer unfachmännischen Reparatur angebracht worden waren, die tödlichen Verletzungsspuren bei den Opfern hinterlassen hatten. Brauchbare Fingerabdrücke konnten zwar nicht mehr festgestellt werden, wohl aber Anhaftungen von menschlichen Haaren.

     Nachdem ich das Optikgeschäft verlassen hatte, ging ich die gepflasterte Straße hinunter bis zum Ende des Ortes, dann weiter über einen Wirtschaftsweg. Vorbei an einem ausrangierten Traktor, um dessen tief im Schlamm steckenden Reifen schon ein beachtliches Strauchwerk gewachsen war. Mein Ziel war das Marterl im sakrischen Mies, wie die Bewohner von Kolmoor diese verdammte Gemarkung innerhalb der Hundegger Einöde nannten. Die Kirchenglocke schlug eine Dreiviertelstunde. Mit meinen Gedanken war ich bei den beiden Frauen, deren Gespräch ich am Vormittag belauscht hatte, und bei dem blutleeren Augenoptikermeister, den ich anschließend kennen gelernt hatte. Der Nieselregen war zwischenzeitlich in einen heftigen Sprühregen übergegangen. Die Spurrinnen, die Traktoren hinterlassen haben, waren bereits mit Wasser gefüllt. Ich verlangsamte mein Tempo. Schwer atmend stapfte ich weiter. Die Prospekte aus dem Optikgeschäft entsorgte ich unterwegs in einer Abfalltonne, die neben einer Holzbank stand. Augenscheinlich hatten sich Tiere an dem Abfall zu schaffen gemacht. Einige Überreste lagen zerfetzt auf dem schlammigen Boden. Eine  verschmierte Pappschachtel mit angebrannten Pizzarändern lies mich grinsen. Noch einer, der Pizzaränder verschmäht. Die Visitenkarte verstaute ich sorgfältig in einer Innentasche meines Mantels.

      

     Das Flurkreuz war schon aus der Ferne zu erkennen. Zwischen  tiefhängenden Wolkenschleier. Durch die Schwaden hörte ich das Krächzen aufgeschreckter Vögel. Wahrscheinlich hatten sie die Verwüstung an der Abfalltonne hinterlassen. Auf der Suche nach Nahrung. Ihr Flügelschlag wurde zunehmend matter. Der Wirtschaftsweg mündete in einen schmalen Pfad. Am Endpunkt stand ein ausgewitterter Grenzstein, der eine imaginäre Scheidelinie absteckte. Eine Wegscheide zum Totenreich, malte ich mir aus. 
     Der Pfad führte durch eine Wildwiese direkt zum Kreuz. Ich blieb vor dem Marterl stehen und betrachtete es bis ins kleinste Detail gehend. Es war aus starken Balken gezimmert und fast so groß wie ich. Die Verdachung war bereits morsch und wies auf beiden Schrägseiten schmale Risse auf. An den seitlichen Verschalungen waren Verzierungen zu erkennen, die mich an Ährenborsten erinnerten. Moos kroch über diesen Zierrat. Ein witterungsbeständiges Emailleschild war unter der Verdachung angeschraubt. Die Schrauben hatten mittlerweile Rost angesetzt. Der Text auf dem Schild war gut leserlich. 

 

Sieh her, oh Mensch, erinnere dich. 

Ein jeder trägt sein Kreuz bei sich. 

Und drückt dein Kreuz auch gar so sehr. 

So denke nur, wir erduldeten noch mehr. 

Das sei dein Trost in Sorge und Not. 

Wir litten den Meuchel Tod. 

 

Ein erschaudernder Aufruf. Angewurzelt stehe ich vor dem Kruzifix. Ein schmaler Sonnenstrahl fällt schräg auf eine gerahmte ausgebleichte Schwarz-Weiß-Fotografie, wie von einem herunterschwebenden Allerbarmer gelenkt. Eine umgestürzte, eingerostete Grablampe, eine stille Begleitung zum Abschied, verdeckt einen Teil des Bildes, auf dem ohnedies nichts zu erkennen ist. Aus dem schlammigen Boden steigt wieder dieses Wahnbild auf. Ein angekohlter Unterarm reckt sich mir entgegen. Blutbesudelte Glassplitter kleben an verbrannten und abgefallenen Gewebeteilen und vermischen sich mit dem morastigen Boden. 

     Ich verschließe meine Augen. Erinnerungsfetzen zerrinnen. Angesengte Hautgespinste  schieben sich wie ein doppelt belichtetes Bild über einen in Splitter zerbrechenden Torso und verfließen..  Den Regen, der unbefleckte Scherbenstücke zurück lässt, spüre ich nicht mehr. Die Schwere meines Filzmantels, der die Wassertropfen kaum noch absorbiert, empfinde ich nicht. Es nagt eine übermächtige Gedrücktheit an mir, das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden, beginnt zu wachsen. Urplötzlich werde ich in diesen unwohlvertrauten depressiven Gemütszustand versetzt, der sich immer wieder wie ein hässlicher Fluch beigesellt. Die aufkommende Übelkeit entwickelt sich zu einem bohrenden Schmerz. Ich fühle einen heftig einsetzenden Schweißausbruch. Das Regenband senkt sich beklemmend nieder, gleich einer braunen von rostroten Adern durchzogenen Tierhaut. 

     Angekohlte Unterarme, zerborstene Suchscheinwerfer, angesengte Augenbrauen, schmierige Bodenkacheln, gebrochene Beine verschmelzen zu einem marternden Wahnbild. Es waren nicht mehr die Regentropfen, die von meinen Nackenhaaren in den aufgeschlagenen Mantelkragen tropfen, sondern die Schweißperlen, die von meinen Haarspitzen herunter rinnen. Hastig hole ich aus einer Manteltasche eine Medikamentenschachtel hervor, drücke mit zittrigen Händen zwei Tabletten aus der Folie heraus und schlucke sie hinunter. Die Schachtel gleitet mir aus den Händen und fällt auf den breiigen Boden. Da ist er wieder, dieser herzschnürende Mahnruf. Augenflimmern. Dämmergrauer Himmel. Grabesstille. Ich falle in eine tiefe Ohnmacht. Die seelische Not schickt mich auf eine umnebelnde, betäubende Odyssee. Eingehüllt von einem blutbeuligen, vom Regen durchtränkten Überwurf, der mich bleiern einschnürt. Ich nehme nur noch weißes, schattenloses Licht wahr. Der seelenvolle und zugleich mitleidlose Gesang von Mari Boine legt sich matt auf mich nieder. Eine leise Verbindung zu meinem erloschenen Leben. Ich schwebe auf einem jenseitigen, blaugrauen Peryton davon. Verwaiste Verlorenheit.

Kapitel 5

EIN NUMISMATIKER UND EIN TELEFONANRUF 

Der Tätigkeitsbereich des Kolmoorer Notars Christian Weiser umfasst im wesentlichen Erbfolgeregelungen, die Ausstellung von Schenkungsurkunden und die Beurkundungen und Beglaubigungen von Grundstückskaufverträgen. Vorzugsweise beschäftigt er sich jedoch mit seiner numismatischen Sammlung. Er sammelt historische fränkische Taler. Selbstironisch postuliert er gerne, dass er die Silberlinge klauben würde. Es freut ihn gewaltig, dass im sechzehnten Jahrhundert die Franken eine eigenständige Währung schufen und ihre eigenen Taler und Kreutzer prägten, um mit den Norddeutschen Handel treiben zu können. 

     Christian Weiser hat das Notariat vor fast fünfundzwanzig Jahren von seinem Vater Friedhelm übernommen. Zusammen mit einigen Wohnhäusern in der Benediktiner Straße und einem Wald, für dessen Pflege und Bewirtschaftung, die der nächsten oder übernächsten Generation zu Gute kommen wird, er Forstarbeiter aus der Nachbargemeinde beschäftigt. Er ist nicht mehr gezwungen, seiner Tätigkeit als Notar nachzugehen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Seine Frau war vor drei Jahren bei einem Busunglück ums Leben gekommen. Auf einer Fahrt nach Südtirol kollidierte der Reisebus mit einem Holztransporter. Dieser war in einer Kurve umgekippt und hatte seine Ladung verloren. 

          Sein Sohn Martin, das einzige Kind und sein ganzer Stolz hat in Tübingen Germanistische Linguistik und Romanistik studiert. Mittlerweile ist er Professor in Heidelberg und lehrt Deutsche Philologie. Vor drei Tagen erhielt er einen unerwarteten Telefonanruf seines Sohnes. Der meldet sich ansonsten regelmäßig zum Geburtstag seines Vaters. Ein zweites Mal läutet er am Heiligabend an. Einmal jährlich zum Todestag seiner Mutter kommt er nach Kolmoor. Immer mit dem Zug, wobei er jedes Mal fluchend das dreimalige Umsteigen bemängelt. Ansonsten erfährt der Notar hin und wieder aus der überregionalen Tageszeitung etwas über das eine oder andere Forschungsprojekt seines Sohnes. Einmal hatte er sogar die Gelegenheit, ihn in einer Fernseh-Talkshow zu sehen. 

     Das Telefonat dauerte nicht lange. Sein Sohn bat ihn, einem Journalisten ein Interview zu geben. Mit ihm habe er während des Studiums in Tübingen ein Semester in einer Wohngemeinschaft zusammen mit drei weiteren Kommilitonen verbracht. Der Journalist heißt Fabian Dachser. Aus alter Verbundenheit habe er ihm versprochen, einen Kontakt zu seinem Vater herzustellen. Der ehemalige Studienfreund wolle zum zwanzigjährigen Jahrestag des Eisenbahnunglücks in Kolmoor einen Bericht für eine Wochenzeitschrift verfassen. Er hätte doch eine Menge Zeitungsartikel aufgehoben, die der Großvater einst in geradezu pedantischer Form gesammelt hatte. Der Journalist wolle noch am gleich Abend kommen.

     Somit kletterte Christian Weiser die knarzige Holztreppe zum Dachboden hinauf, wo er die Zeitungsartikel vermutete. Dienstwillig, seinem Sohn zu Liebe, jedoch ohne jegliche Lust. Er hatte bereits die heutige Vorstandssitzung des Fördervereins Grenzturm abgesagt, in der er Schriftführer ist, wobei ihm nichts besseres einfiel als eine Erkältung als Vorwand anzuführen. Die Grenzdokumentations-Stätte Kolmoor e.V., wie der Verein sich nannte, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerungen an diese historische Trennlinie zwischen den Menschen zu bewahren und das geschichtliche Bewusstsein, besonders der jungen Generation, zu fördern. Für Christian Weiser war dies geradezu eine heilige Bestimmung. 

     Bei seiner Suche nach den Zeitungsartikeln stieß er auf vormalige Dokumente und Kopien von Urkunden, die sein Vater während seiner aktiven Tätigkeit als Notar angefertigt und ausgestellt hatte. Dabei fiel ihm ein Schriftstücke in die Hände, das separat und nicht mit anderen Papieren der entsprechenden Kategorie abgelegt war. 

          Die Regelung zur Altersversorgung des Austragsbauernpaares Josef und Katharina Hundegger vom 13. August 1971 , deren Ermordung nie aufgeklärt worden war, löste sein Interesse aus. Das Paar hatte sich beim Abschluss des notariellen Hofübergabevertrages gegenüber ihrem Sohn Peter  verschiedene recht bemerkenswerte Ableistungen ausgedungen, wie dem Dokument zu entnehmen war. Der Wohnraum im Ausgedingehaus – meist nur ein Wohnrecht in bestimmten Gebäudeteilen – umfasste das gesamte Haus. Dem Sohn, der verwitweten Tochter und der Magd blieben drei Zimmer im oberen Stockwerk. Bei  Krankheit und altersbedingten Leiden hatte der Sohn für alle Kosten aufzukommen. Die Nahrungsversorgung, die Versorgung mit Kleidung und ein wöchentliches Taschengeld in Höhe von zwanzig Mark waren zu garantieren. Neben der Hofübergabe war festgelegt, dass die Bewohner in dem oberen Stockwerk eine Versorgung mit Wärme durch ein „Wärmeloch“ im Fußboden eines Raumes oberhalb der geheizten Hauptstube erhielten.

     Der Notar studierte daraufhin die vollständigen Vertragsdokumente, die sein Vater aufgesetzt hatte. Dabei schüttelte er hin und wieder ungläubig seinen Kopf. Danach sortierte er die Dokumente wieder ein und kletterte die Stiege zur unteren Etage herab. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt. Eine angestaubte Obstkiste mit den fraglichen Zeitungsausschnitten über das Eisenbahnunglück aus dem Jahre 1978, einigen abgegriffenen Bekanntmachungsblättern des Gemeinderates und einer VHS-Kassette, die auf dem Papierstapel oben auflag, stellte Christian Weiser im Hausgang ab.  Die Kassette nahm er heraus. Das Etikett trug die schwer lesbare Handschrift seines Vaters.  Er entzifferte den Titel ‚Kinder- und Jugendheim Margaretenwalde‘. Das VHS-Band deponierte er in der Schublade seines Schreibtisches. 
     Der Journalist war nicht erschienen, was der Notar nicht allzu bedauerlich fand. Bei einem Blick aus dem Fenster sah er, dass der Regen immer noch anhielt. Die grauen Häuser auf der gegenüber liegenden Straßenseite verschwammen zu einem flüssigen Gräberwall. Wolken schoben sich über diese Aufschüttung. Der Gehsteig wurde durch die trübe Beleuchtung einer Straßenlaterne nur spärlich ausgeleuchtet.

Kapitel 6

HONEY PILLS UND GEORGE HARRISON


Ich verspüre keine Abscheu, als ein Hund mein Gesicht ableckt. Ich fühle den warmen Hundespeichel auf meinen Augenbrauen, auf meinen Lippen. Das Tier ist allein. Seine dunklen Augen mustern mich aufmerksam. Lebendig. Sprechend.
Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Ein wohliges Gefühl steigt beim Anblick des Tieres in mir auf. Ich stütze mich auf. Meine Handflächen spüren den Schlamm, in dem ich gelegen habe. Meine Kleidung ist durchnässt und verschmutzt. Meine Blicke wandern zu dem Kreuz, das sich gegen den nächtigen Himmel abhebt. Durch die tiefhängenden Wolken schimmert wässrig der Mond. Sein Licht fällt auf einen bewaldeten aufsteigenden Berghang, der sich hinter dem Kruzifix öffnet. Bei meiner Ankunft ist mir der Rain nicht aufgefallen.
     Als ich den Pfad, den ich gekommen war, zurückblicke, sehe ich Scheinwerfer von Autos. Viele Scheinwerfer, was mich stutzig macht. Das Stottern eines Mopeds hallt durch den Regenschleier herüber. Stare kreisen über die feuchten Wiesen, die von einer Brache durchzogen sind. Ein Totenacker. Die durchpflügte Erde ist schwärzlich, zum Teil nussfarbig, Nur notdürftig reinige ich meinen Mantel. Innen an meine Schädeldecke pochen verlässlich die Erinnerungen. Ich sauge tief die schwere, feuchte Luft ein. Durchsetzt mit nassem Holzrauch. Die aufgeweichte Schachtel mit den Medikamenten verstaue ich in meiner Hosentasche. 

     „Meine Honey Pills“, hauche ich gedankenfern und mache mich auf den Rückweg, meinen Kopf tief in den Mantelkragen versenkt. Ein heftiger Wind, gegen den ich mich stemmen muss, setzt ein. Der Regen legt sich.  Die Linie des Totenreiches liegt hinter uns. Der Hund folgt an meiner Seite, auf dem Weg durch den Limbus der Weggestorbenen. Er lahmt kaum wahrnehmbar. Ich bemerke eine millimeterbreite Vertrocknungsspur am linken Hinterlauf, die augenscheinlich von einer Drahtschlinge rührt.

       „Dieses Mal bin ich überzeugt davon, etwas Gutes zu tun“, vertraue ich dem Hund an. „Das erste Mal in meinem Leben. Ein Dasein, das bislang chaotisch verlief und im Jahre 1964 seinen Verderben bringenden Höhepunkt erreichte. Meine Drogenkarriere verlief parallel zu der von Brian Jones und George Harrison. Meine Studienreisen führten nach Ägypten und nach Indien. Sie hinterließen Reiseandenken: Eine Sitar, eine Wasserpfeife, einen halluzinogenen Pilz, etwas Heroin und auch Rohopium. Meine durchzechten Nächte zur Zementierung der Völkerfreundschaft endeten mit Zerstörungsorgien und letztendlich in einer Entzugsklinik. Meiner letzten Chance. Während meines Klinikaufenthaltes wurde meine Tochter geboren. Von ihrer Existenz sollte ich jedoch erst viel später erfahren.“

Horst G. Flämig / 16.09. - 01.01.2021