Clarice Lispector | Ikone subversiver Kurzprosa

Überlesen und wiederentdeckt. Die größte brasilianische Schriftstellerin. Kritiker testieren ihr eine literarische Verwandtschaft zu Franz Kafka, Virginia Woolf, Jorge Luis Borges oder Marguerite Duras. Womöglich etwas zu hoch gegriffen, aus meiner Warte. 

Gleichwohl. Die literarische Qualität ist diskutabel. Ihr Ton ist exzeptionell. Man ist geneigt zu sagen, ihre weiblichen Figuren bewegen sich bisweilen in einer kafkaesken Sphäre, wenn dieser Ausdruck nicht so abgedroschen wäre.

Eine literarische Odyssee in eine surreale Welt. Nicht selten eine Versagung linearer Handlungen. Vielleicht gerade deswegen erzeugt die Lektüre einen magischen Sog. Mit Intellekt allein kommt man nicht weit in diesen Geschichten.

Clarice Lispector sagte einmal in einem brasilianischen TV-Sender:
"Entweder die Geschichten berühren Menschen oder sie berühren nicht. Ich vermute, die Frage des Verstehens geht nicht über Intelligenz. Sie geht über das Fühlen, darüber, in Kontakt zu kommen. […] Ich schreibe sehr simpel. Ich bausche Dinge nicht auf."

100. Geburtstag von Clarice Lispector am 10. Dezember 2020

Clarice Lispector wurde am 10. Dezember 1920 als Tochter jüdischer Eltern in der Ukraine geboren und wuchs in Recife, im ärmlichen Nordosten Brasiliens, auf. Als sie ein Jahr alt war, flohen ihre Eltern mit ihr vor den aufkommenden Pogromen aus ihrer ukrainischen Schtetlwelt. Sie studierte Jura, arbeitete als Lehrerin und Journalistin. Als Diplomatengattin in der Schweiz und in Italien  führte sie ein ebenso glamouröses wie rebellisches Leben.
Bereits ihr erster, vielbeachteter Roman 'Nahe dem wilden Herzen'  brach 1944 mit allen Regeln konventionellen Schreibens. Clarice Lispector eröffnete, geprägt sowohl vom Existenzialismus als auch von Virginia Woolf, eine in Brasilien vollkommen neue literarische Strömung, die radikal subjektiv auf die Erforschung innerer Wirklichkeit abzielt. Von Leiden und Tablettenkonsum zerstört, starb sie mit nur 56 Jahren in Rio de Janeroan an den Folgen einer Krebserkrankung.

Foto: © privat (ca. 1960)

Im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken. Ihre Erzählungen auf Deutsch zum 100. Geburtstag.

Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau

Sämtliche Erzählungen. Band I

Lispectors favorisiertes Experimentierfeld ist die weibliche Psyche. Sie bietet Einblicke in die dunkelsten Ecken und Winkel der weiblichen Seele. Doch gibt es immer wieder kuriose Momente oder skurrile Pointen. Manchmal kann es auch eine Henne sein, die mit Apathie und Schreckhaftigkeit über eine gesamte Familie vorherrscht.

Auflehnung  charakterisiert die Mehrzahl der 40 Erzählungen in 'Tagtraum und Trunkenheit' einer jungen Frau. Die Frauen brechen unvermutet aus dem wohlgeordneten, behüteten Elternhaus oder der Ehe aus, ohne ersichtlichen Grund, sie wollen sich einen größeren Freiraum erobern oder etwas Neues erleben. 


40 Erzählungen. Idalina sucht einen Weg zwischen Vernunft und Leidenschaft, Luísa ringt um innere Stärke und Tuda um ein Leben ohne Therapeuten. In Kurzprosa von beispielloser Originalität lotet Clarice Lispector die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus: Wahnsinn wird zu Weisheit, Angst zu Mut, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren – meist Frauen – nach außen kehrt. Poetisch und tiefgründig, gleichen ihre Erzählungen flirrenden Träume von einer geheimnisvollen Welt… International als einer der Höhepunkte brasilianischer Literatur bekannt, ist Lispectors Kurzprosa 

In Brasilien wurde das Buch bald als bedeutendster Roman gefeiert, den je eine Frau in portugiesischer Sprache verfasst hat. Außerhalb Brasiliens allerdings ist der Name Lispector noch weitgehend unbekannt.

Jede dieser Inszenierungen von Begehren und Verwandlung ist grotesker als die andere.

Aber es wird regnen

Sämtliche Erzählungen. Band II

Bizarre, aber auch hochkomische Momente in einer fiktiven Welt.

Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.

„Der Körper“. Der mit einem Kinobesuch von Bernardo Bertoluccis „Letztem Tango in Paris“ einsetzende Bericht von einer bizarren 'ménage à trois'  lässt zwei Frauen mit Messern auf ihren untreuen Liebhaber losgehen.

„Miss Algarve“ berichtet von der wundersamen Verwandlung einer altjüngferlichen Londoner Büroschreibkraft in eine Verführerin, nachdem ihr eines Nachts ein natterngekröntes Wesen mit den Worten „Ich komme vom Saturn, um dich zu lieben“ ins Schlafzimmer wehte.