Meine ganz persönliche Modern Classic Anthologie

Übersehene Werke.


Das kundige Lesepublikum  wird diese Auswahl - wenn überhaupt - nur ansatzweise akzeptabel finden. Und niemand wird sie benötigen. Und sie irrt ab von den üblichen Aufstellungen. Die folgenden Nennungen werden nur monatlich erweitert.  Warum monatlich? Ich habe mir vorgenommen, in dieser beispiellosen Zeit eineinhalb bis zwei moderne Klassiker monatlich zu lesen. Underdog literature. Übersehene Werke.

Die Auswahlkriterien: 1. Mit großer Wahrscheinlichkeit in keinem Kanon zu finden. 2. Die modernen Klassiker sind aktueller denn je, aufgrund der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation in der Welt.

Ihr Horst G. Flämig

NO. 1 | 1929

Die sieben Irren | Los siete locos

"Dem Wahnsinn wohnt die Illusion inne, dem Elend entkommen zu können".

RICARDO PIGLIA. (* 24.11.1941; † 6.1.2017. Argentinischer Schriftsteller.

Die Wiederentdeckung aus dem Jahr 1929

Roberto Arlt zeichnet mit nüchterner Akribie ein Spiegelbild des sich zusammenbrauenden Totalitarismus in Argentinien Ende der zwanziger Jahre auf.​ Der Roman lässt sich gut als Kolumne zur Gegenwart lesen. 


Der Protagonist Remo Erdosain treibt durch die Massen armer Teufel und maroden Gassen von Buenos Aires. Durch Bordelle und Kaffeehäuser. Trifft auf Schäbige und Verrückte. Bis er einer Gruppe sendungsbewusster Verschwörer in die Hände fällt: ein melancholischer Zuhälter, ein apokalyptischer Apotheker, eine lahme Prostituierte, ein gestrandeter Goldsucher. 
​Unter der Leitung des "Astrologen" planen die Irren nicht weniger als die Revolution, den großen Umsturz.

Ein Roman aus dem renommierten und legendären Wolfgang Wagenbach Verlag. Dem unabhängigen Verlag für wilde Leser. Und sollten Sie Wolfgang Wagenbach nicht kennen, dann sollten Sie ihn googlen.

Eine Anatomie des Wahns

Es ist eine bemerkenswerte weltliterarische Fügung des Schicksals, dass 1929 sowohl in Berlin wie in Buenos Aires je ein epochaler Roman einen beispiellosen Zeitabschnitt in erschütternden Bildern festhält. 


In «Berlin Alexanderplatz» macht Alfred Döblin die Großstadt Berlin zum Schauplatz gefährlich brodelnder gesellschaftlicher Unwuchten. 

Arlt geht sowohl in seiner Diktion wie auch inhaltlich weitaus radikaler zu Werke als Alfred Döblin. Döblin macht in seinem Roman die Unterprivilegierte zu seinen Protagonisten. 

Arlt bringt seine titelgebenden Irren aus allen Schichten der Gesellschaft bei. Vom Apotheker bis zum Zuhälter. 

Aus den Wahnvorstellungen einer bürgerlichen konspirativen Gruppe entspringen verfehlte, totalitäre Putsch-Illusionen und Umsturz-Fiktionen.

Ein exzeptionelles und bizarres Werk. Verschwörerische Gruppen und schon denkt man unweigerlich an Corona-Geschehnisse. Lapsus. Der Roman sollte nicht zu einem bloßen aktuellen Debattenbeitrag und Corona-Roman reduziert werden.

Roberto Arlt

(1900 - 1942)

Foto: © Baldomero Pestana 

Roberto Arlt, 1900 als Sohn gerade erst ausgewanderter Eltern, einer Österreicherin und eines Preußen, in Buenos Aires geboren. In der Familie sprach man Deutsch, auf den Straßen von Buenos Aires lernte er die Gassen- und Gaunersprache »Lunfardo«. Als Autodidakt schrieb Arlt Romane, Erzählungen, Dramen und vor allem zahlreiche Kolumnen über seine Heimatstadt, wo er bis zu seinem frühen Tod 1942 lebte. Daneben versuchte er sich erfolglos als Erfinder, beispielsweise eines unzerreißbaren Damenstrumpfs.
Zu Lebzeiten für seinen ›niederen‹ Stil harsch kritisiert und nahezu unbekannt verstorben, wurde er erst von Julio Cortázar und besonders Ricardo Piglia wiederentdeckt. Heute zählt Roberto Arlt, neben seinem Zeitgenossen und literarischen Antagonisten Jorge Luis Borges, zu den einflussreichsten modernen Autoren Argentiniens. »Die sieben Irren« von 1929 ist sein wichtigster Roman.

NO. 2 | 1946

The Street | Ann Petry

Wiederentdeckung einer Legende. 1946 im amerikanischen Original publiziert,  Der Stoff hat bis heute nichts von seiner erschütternden Dringlichkeit verloren.

Ann Petrys Roman "Die Straße" aus den Vierzigerjahren erzählt ein erschreckend aktuelles Kapitel aus der Geschichte des rassistischen Amerika. 

Ein Buch, aktueller denn je.

The Street erzählt die aufwühlende und herzzerreißende Geschichte einer jungen schwarzen Frau im Harlem der 1940er Jahre. 1946 erstmals erschienen, war der Roman ein Sensationserfolg von enormer politischer Brisanz, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.

Als alleinerziehende Mutter kämpft Lutie Johnson unerschütterlich für ihre eigene Würde und darum, ihren kleinen Sohn Bubb inmitten all der Armut, Gewalt und rassistischen Verachtung, die sie umgibt, zu einem anständigen Menschen heranzuziehen. Schauplatz ist die 116th Street auf der Upper Westside in Manhattan. Keiner entrinnt dieser verkommenen Welt, in der Menschen zwangsläufig roh und stumpf sind und zu kriminellen Verzweiflungstaten hingerissen werden. Lutie ist entschlossen, den Absprung in ein besseres Leben zu schaffen, doch die Niedertracht der Straße und die Bosheit eines menschenverachtenden Systems stellen sich ihr mit aller Macht in den Weg. 

Ann Petry

(1908-1997)

Foto © Carl Van Vechten/Yale Collection of American Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library

Ann Petry  war Journalistin, Pharmazeutin, Lehrerin und Gemeindeaktivistin. Ihre drei Romane, zahlreichen Kurzgeschichten, journalistischen Texte und Kinderbücher beschäftigen sich mit der Frage, was es bedeutet, Afroamerikaner bzw. weiß zu sein, sowie mit Rassismus in all seinen Facetten.
The Street war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.

NO. 3 | 1971

Brot für die Toten | Chleb rzucony umarłym

Reihe: Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur; Bd. 1

Wie erinnert man an eine Welt, die nicht mehr ist? Wenn alles, was einmal Leben war, der Vernichtung anheimgefallen ist?

Bogdan Wojdowskis Roman »Brot für die Toten« rekonstruiert die Hölle des Warschauer Ghettos: Bis zu 500.000 Menschen, eingesperrt auf einem drei Quadratkilometer großen Areal. Als präziser Chronist schildert Wojdowski das Leiden unter der deutschen Barbarei, vor allem aber gibt er den Opfern ihre Würde zurück. Protagonist des Romans ist der Junge David. In seinen Augen, seinem Bewusstsein spiegelt sich »der Alb, den man Leben nennt«. Davids Familie, die Menschen auf den Straßen - im verzweifelten Versuch, von Tag zu Tag zu überleben -, sie alle erhalten ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Namen zurück. Nur wenige Werke der Holocaustliteratur vermögen, was Wojdowski mit diesem verdichteten, polyphonen Roman gelungen ist: Nicht allein die Vernichtung zu dokumentieren, sondern die vernichtete jüdische Welt in ihrer Vielfalt wieder ins Leben zu rufen.

Bogdan Wojdowski

(1930-1994)

Bogdan [eigtl. Dawid] Wojdowski wurde am 16. 11. 1930 in Warschau geboren. Ab November 1940 musste die Familie im Ghetto leben. Im August 1942 entkam Dawid mit seiner Schwester Irena dem Massenmord der »Aktion Reinhardt« durch Flucht. Die Eltern wurden in Treblinka ermordet. Er versteckte sich – nun als Bogdan – im »arischen« Teil Warschaus und in umliegenden Dörfern.
1949 legte er das Abitur ab, dann studierte er polnische Philologie. Sein schriftstellerisches Debüt, der Erzählband »Wakacje Hioba« (Hiobs Ferien), wurde von der Zensur kurz vor der Drucklegung blockiert. Jahre später erst – und nach gravierenden Eingriffen – konnte das Buch erscheinen (1962).
1971 erschien sein Opus Magnum, der Roman »Chleb rzucony umarlym« (Brot für die Toten), der als bedeutendstes Werk der polnischen Holocaustliteratur gilt.
Am 19. April 1994 nahm sich Bogdan Wojdowski in Warschau das Leben.


NO. 4 | 1930

Die Baugrube | Andrej Platonow

Ein russischer Klassiker der Weltliteratur. 50 Jahre verboten.

Ein gemeinproletarisches Haus für die Arbeiterklasse. Das  utopische Projekt der Paradiesbauer endet in Hunger, Chaos und Massensterben. 

Ein russischen Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Der 1930 verfasste Roman „Die Baugrube“ des Autors Andrej Platonow (1899–1951). Der Roman durfte zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht werden. Stalin bezeichnete den Schriftsteller als Dreckskerl. Erst 1989 wurde das Buch in Russland aufgelegt. Das Buch wurde von den Kritikern als einzigartig in der Literaturgeschichte gewürdigt. Worum geht es in dem Werk? Bauarbeiter graben am Stadtrand eine riesige Grube, in der das gemeinproletarische Haus für die Arbeiterklasse errichtet werden soll, „die Muttergrube für das künftige Leben“. Das Werk entstand zur Zeit der von Stalin eingeleiteten forcierten Industrialisierung und Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Es wurde zum radikalsten, überzeugendsten literarischen Sinnbild für das Scheitern der kommunistischen Utopie, die der Autor schonungslos entlarvt. Das  utopische Projekt der Paradiesbauer endet in Hunger, Chaos und Massensterben. 


Andrej Platonow 

(1899-1951)

Der berühmteste Unbekannte der modernen russischen Literatur. Niemand hat den Geist der Epoche, die geprägt war vom Experiment der Erschaffung eines neuen Menschen, radikaler in Sprache verwandelt. Die russische Revolution, der Kampf um einen »neuen Himmel und eine neue Erde«, findet in seinem Werk einen unerhörten und tragischen Ausdruck. Nach Platonow gab es einen solchen Schriftsteller in der russischen Prosa nicht wieder.


NO. 5 | 1940

Sonnenfinsternis | Arthur Koestler

Abrechnung mit dem Stalinismus und jeder Form von politischem Totalitarismus. Einer der bedeutendsten politischen Romane des 20. Jahrhunderts

„Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler war 1940 der erste Roman, der von der politischen Verfolgung unter Stalin erzählte. Den beschriebenen Terror hielten viele Linke für unglaublich – und machten dem Autor schwere Vorwürfe.

Stalins Vorgehen irritierte zu dieser Zeit die linken Intellektuellen. Als Benjamin im Sommer 1938 Brecht im dänischen Skovbostrand besuchte, diskutierten sie auch über die diktatorische Willkürherrschaft in der Sowjetunion. Der linke Terror war ein beunruhigendes Thema.

Genau diesem Thema widmet sich Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“. Er wurde 1940 zunächst nur in englischer Sprache veröffentlicht. Alle deutschen Ausgaben basierten in Teilen auf Rückübersetzungen aus dem Englischen, denn das Originalmanuskript galt als verloren. Dass es nun die Basis einer Neuveröffentlichung bildet, ist dem Germanisten Matthias Weßel zu danken, der das verschollen geglaubte Manuskript bei der Arbeit an seiner Dissertation über Koestler in der Züricher Zentralbibliothek unter seinem ursprünglichen Titel „Rubaschow“ fand.


Arthur Koestler

(1905-1983)

Arthur Koestler, geboren am 5. September 1905 in Budapest, gestorben am 3. März 1983 in London. Schulbesuch in Budapest und Baden bei Wien, 1922 Beginn eines Maschinenbaustudiums. 1927 Ullstein-Korrespondent in Palästina, anschließend als Journalist in Paris und Berlin. 1931 Eintritt in die Kommunistische Partei und einjährige Reise durch die Sowjetunion; im Spanischen Bürgerkrieg 1937 festgenommen und zum Tode verurteilt. 1938 unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse Austritt aus der KP. 1939 in Frankreich interniert; Flucht nach England. In den fünfziger Jahren Rückzug aus dem politischen Journalismus und Beschränkung auf literarische Arbeiten und wissenschaftliche Publizistik. Suizid angesichts einer unheilbaren Erkrankung.

 

Arthur Koestler zählte zu den namhaftesten und politisch einflußreichsten europäischen Journalisten seiner Zeit. Seinen internationalen Rang als Schriftsteller begründete der Roman „Sonnenfinsternis“, eine Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus und nach wie vor eines der grundlegenden Werke der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts.


NO. 6 | 1976

Der Kuss der Spinnenfrau | Manuel Puig

Ein Kultroman. Ein Kultfilm mit William Hurt. Auf Opernbühnen, in Theater- und Musicalhäusern in Szene gesetzt.

Zwei Häftlinge, Zellengenossen, haben einen Zeitvertreib für die langweiligen Abende gefunden: Molina, der wegen Päderastie zu acht Jahren Gefängnis verurteilt ist, erzählt dem aufgrund linksextremer Aktivitäten inhaftierten Valentín Arregui in aller Ausführlichkeit alte Hollywood- und Ufafilme.
Als Arregui medikamentös verdorbenes Essen erhält, das seinen physischen und moralischen Widerstand brechen soll, pflegt ihn Molina.
Mit zunehmender körperlicher Schwäche verringert sich Valentíns Unvermögen, Dienste anzunehmen, die eigene Abhängigkeit anzuerkennen, Angst zu verraten, dankbar zu sein. Er begreift, dass Molina ihn liebt, und gibt dieser Liebe Antwort.
Puig hat sich in diesem fast nur in direkter Rede geschriebenen Roman zwei Themen gestellt. Er schildert Terror und Willkür der Polizei (der Roman war in Argentinien verboten und führte zu Puigs Ausweisung) und gibt eine durch ausführliche wissenschaftliche Fußnoten unterstützte konkrete Darstellung homosexueller Liebe. Ohne den "klassischen" Helden, den Revolutionär, zu schmälern, macht Puig deutlich, dass er eine zweite, menschlichere Art des Heldentums schätzt, ein nicht der abstrakten Idee, sondern dem konkreten Mitmenschen geltendes äußerstes Opfer.

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Manuel Puig

(1932-199o)

Manuel Puig wurde 1932 in der argentinischen Provinzstadt General Villegas geboren. Schon früh zeigte sich seine Begeisterung für das Kino und die Vorliebe für Melodramen des Hollywoodfilms der dreißiger und vierziger Jahre. Er studierte auf Drängen der Eltern zunächst Architektur in Buenos Aires, wechselte aber bald in die Fakultät für Philosophie und Literatur.

1956 reiste er mit einem Stipendium des »Centro Sperimentale di Cinematografia«, der bedeutendsten italienischen Filmhochschule, nach Rom, wo er bei Vittorio De Sica und Cesare Zavattini lernte und Drehbücher zu schreiben begann. Zwischen 1961 und 1962 arbeitete er als Regieassistent bei verschiedenen Projekten in Rom und Buenos Aires mit.

Nach Aufenthalten in London und Stockholm zog er 1963 vorübergehend nach New York, wo er seinen ersten Roman, La traición de Rita Hayworth (1968, dt. Von Rita Hayworth verraten, 1976), schrieb. Der Fortsetzungsroman Boquitas pintadas (1969, dt. Der schönste Tango der Welt, 1975) entwickelte sich bald zum Bestseller. Mit seinen anfänglich als Kitschliteratur verschrieenen Romanen durchbrach er die Grenzen zwischen sogenannter »hoher« und »niederer« Literatur.

Weltweiten Ruhm erlangte Manuel Puig mit der Verfilmung seines Romans El beso de la mujer araña (1976, dt. Der Kuß der Spinnenfrau, 1979) durch den Regisseur Héctor Babenco, 1985. Eine Bearbeitung für die Bühne hatte Puig bereits 1981 vorgenommen. Von der argentinischen Militärregierung wurde das Buch verboten, woraufhin Puig seine Heimat endgültig verließ.

Er zog nach Mexiko, lebte einige Jahre in New York und Rio de Janeiro, wo er den Roman Sangue de amor correspondido (1982, dt. Herzblut erwiderter Liebe, 2000) auf Portugiesisch schrieb, und kehrte ein Jahr vor seinem frühen Tod im Jahre 1990 nach Mexiko zurück.